"Das Lächeln der Haie"

von Dr. Erich K. Ritter

Gedanken und Geschichte aus dem Leben eines Haiforschers

über den Autor Dr. Erich Ritter       
          
ISBN 978-3-031309-07-7        


letzte Änderung: 03.01.2008
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35 Kapitel gelebte Haiforschung

... und einem Kapitel als Leseprobe (s.u.)

 1. Das Erscheinen
 2. Die entscheidende Begegnung
 3. Schwingungen - ein Mittel der Sprache
 4. Die kleine Delegation eines Botschafters
 5. Der enge Weg eines Suchenden

 6. Keilerei ums Futter (s.u.)

 7. Eine eigene Meinung ist Gold wert
 8. Die neun Katzenleben eines Hais
 9. Wie ich lernte, auf dem Wasser zu gehen
10. In den Armen eines Bullenhais
11. Naturträume eines Botschafters
12. Über die Sprache eines Hais
13. Schlaf gut, Cowboy
14. Ein Hai mit zwei Schwänzen
15. Wie ein Hai beinahe sein Gebiss verlor
16. Das Problem der Anreden
17. Eine neue Art von Mensch
18. Ein Tauchgang mit Geistern
19. Der weisse Hai - das Rätsel
20. Ein Tiger am Seil
21. Händehalten unter Wasser
22. Der innere Kreis
23. Die heutige Technik macht es möglich
24. Verkehr am Futter
25. Die gegenseitige Anpassung
26. Emotionen eines Hais
27. Die Seele eines Hais
28. Ein Kampf ohne Gefühle
29. In jedem Hai stecken Wesenszüge eines weissen Hais
30. Ein Weg zurück zur Natur
31. Der tote Winkel eines Hais
32. Zusammenstoß mit einem Hai
33. Haie und ihre Gefühle
34. In der Anflugbahn eines Hais
35. Das Lächeln der Haie

6. Keilereien ums Futter
Die Arbeit des Tages ist erledigt und ich fahre hinaus zu einer kleinen Gruppe von Klippen, die wir "Triangle Rock" nennen. Ich bin in Bimini auf den Bahamas. Heute habe ich wieder nur im Gebäude damit zugebracht, Auswertungen zu machen und alles, was ich vom Tag sah, war, wie sich der Schatten des Baumes vor dem Fenster änderte. Aber nun ist es Abend und ich bin auf dem Weg zu meinem täglichen Schnorchelgang mit "Bruno", meinem Karibischen Riffhai. Wir sind seit langem Freunde und schwimmen in den Abendstunden häufig noch einige Runden. Schwimmen ist vielleicht nicht der richtige Ausdruck, vielmehr muss ich ihn füttern, denn Gewohnheit macht auch den schnellsten Räuber zum tranigen Gesellen. Bruno ist durchaus in der Lage seine Mahlzeit selbst zu erlegen, doch findet er es wohl witziger mir die Beute abzujagen, die ich mir für mein Abendessen gedacht habe.

Ein weiterer faszinierender Abend schickt sich an, seinen samtenen blau-rosa Teppich über uns zu legen. Das Wasser ist tiefblau, der Himmel zeigt bereits einen rosa Farbton. Um mich herum nur sachte Wellen; ich bin alleine in dieser Weite und Ruhe. Ich ankere das Boot vor den Klippen und mache mich bereit ins Wasser zu gleiten. Ausgerüstet mit Flossen, Maske, Schnorchel und einer "Hawaiian Sling" mache ich mich auf den Weg zum Riff. Eine Sling ist ein ausgehöhlter Holzschaft, durch dessen Loch man einen Pfeil steckt, den man mit einem Gummi spannt. Das Prinzip ähnelt einer Steinschleuder. Nun, ich bin kein Fischer und habe diesem Sport nie etwas abgewinnen können; entsprechend betrachte ich auch eine Hawaiian Sling eher als ein notwendiges Übel. Doch anders als bei der Sportfischerei ist das Blue Water Hunting mit viel Geschick und Kenntnisse über den zu erbeutenden Fisch verbunden. Einerseits schießt man nur, was man wirklich essen kann, andererseits werden ausschließlich Schwarmfische gejagt. Diese Form des Fischens ist körperlich anspruchsvoll und läßt dem Tier entsprechend eine reelle Chance nicht auf dem Teller zu landen. Abtauchen, einen Fisch aussuchen, den man auch essen kann, Pfeil laden, zielen, dabei gleichzeitig die Schwimmgeschwindigkeit des Opfers und Trägheit des Pfeils miteinbeziehen, schießen, treffen und mit der Beute wieder auftauchen. Ich erinnere mich noch genau daran, wie viele Abende ich vor nichts als Reis saß, weil ich auch die langsamsten Fische nicht einmal gestreift hatte. Doch die Stunden unter Wasser vergingen und aus dem Stadtmenschen ist nach und nach ein Island Boy geworden.

Ich bewege mich für einige Minuten am Riff und schaue ins Blaue um zu sehen, was sich heute hier tummelt und natürlich warte ich auf Bruno, der gleich sicher wieder versuchen wird mir den geschossenen Fisch abzujagen und zusammen mit der Speerspitze wegzuschwimmen. Das geschah mehr als ein Mal und ich musste meine Taktik entsprechend ändern. Früher jagte ich im freien Wasser und zog den Bogen nur so stark, dass ich den Fisch aufspießte und leichter holen konnte, heute ist die Technik "Bruno-sicher", was nicht bedeutet, dass ich nun schneller schießen oder die Beute einholen könnte, bzw. dass Bruno es nicht bemerken würde. Ich jage vielmehr zunächst für ihn und - was wohl wichtiger ist - ich durchschieße den Fisch, denn bis jetzt konnte ich Bruno nie beibringen, dass er mir den Pfeil wieder zurückbringt. Andernfalls habe ich kein Abendessen und auch er muss wieder selber jagen gehen. Endlich taucht auch Bruno auf. Ich frage mich oft, wo er sich so den ganzen Tag herumtreibt, denn Pünklichkeit ist nie seine Stärke gewesen.

Ich mache mich bereit und Bruno sich ebenfalls, das heißt, er steht unmittelbar neben mir und lässt mich nicht aus den Augen. Dieser Kerl hat mir wohl nie so ganz vertraut. Zugegeben, am Anfang versuchte ich ihn reinzulegen und schoss aus kurzer Distanz, damit ich schneller am Fisch sein konnte, was jedoch zumeist mit einer Keilerei zwischen mir und ihm endete. Diese Raufereien haben mich in den vielen Monaten mürbe gemacht und wohl auch langsamer, denn inzwischen betrachte ich es als bedeutend weiser zuerst ihm sein Abendessen zu schießen, bevor ich mir selbst noch etwas hole. Und so tauche ich das erste Mal ab...

Wer nun denkt, dass für Bruno ein Fisch wie der andere ist, hat weit gefehlt. Zwar können Haie keine Nase rümpfen, doch zeigen sie sehr genau, wenn ihnen etwas nicht passt. Bruno ist so etwas wie ein Feinschmecker. Fische, die ich gerne esse, stehen auch auf seiner Liste. Als ich es jedoch einmal mit Drückerfisch bei ihm versuche, weil ich spät dran bin, wird es allerdings für mich noch später, denn ein Bruno frisst keine solchen und somit wird der Drücker mein Abendessen. Ehrlich gesagt, nach diesem Nachtessen kann ich ihm nur Recht geben.

Der Fischzug verläuft gut, ich schieße Bruno einige seiner Lieblingsarten und als er endlich vollgefressen neben mir schwimmt, sind wir uns einig, dass auch ich mir jetzt meine Mahlzeit holen kann. Die Jagd geht nun sehr schnell, ich habe, was ich brauche und schwimme mit Bruno noch einige Runden um das Riff. Die Sonne taucht bereits am Horizont unter und ich hieve mich zurück ins Boot. Irgendwie spüre ich, dass ich Bruno heute zum letzten Mal gesehen habe. Ich schaue nochmals zurück und schenke ihm einen letzten Blick. Wie immer erlebt man viele schöne Augenblicke in einer nur sehr kurzen Zeitspanne und alles, was bleibt, sind Erinnerungen. Wir waren gute Freunde, die einigen Spaß unter Wasser hatten, auch wenn er für mich im wesentlichen mehr Arbeit bedeutete als für ihn.

Die Jahre sind vergangen und ich frage mich häufig, was Bruno heute treibt. Ich hoffe sehr, dass er einen neuen Lieferanten gefunden hat, der für ihn das Abendessen holt. Bruno war ein echter Genießer...

über den Autor Dr. Erich Ritter

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